Dankesrede zur Verleihung des Tucholsky-Preises

Von Volker Weidermann

(Ja, du kriegst deine Besprechung -!)

so fängt das zum Beispiel an. So beginnt die Besprechung Kurt Tucholskys von Egon Erwin Kischs heute längst legendärer Berichtesammlung Der Rasende Reporter. Das Ganze auch noch in Klammer gesetzt, um dem Publikum zu signalisieren, der erste Satz ist schon mal nur für den Rezensierten geschrieben, für den, über dessen Buch er hier schreibt. Was soll das denn? Wen geht das an, dass die beiden sich offenbar gut kennen, dass der eine von beiden offenbar aufs Lästigste den anderen seit Wochen um eine Besprechung seines Buches drängt? Nein, das geht niemanden etwas an - oder auch: alle. Denn mit diesem lässigen Einstiegsklammersätzchen ist eines schon mal klar: Hier folgt gleich ein Text, der keinen Anspruch auf Objektivität erhebt, der Autor ist dem Rezensenten bekannt. Vielleicht sind sie sogar befreundet. Aha also: Ein schönes Lob unter Kumpeln ist zu erwarten. Und es kommt: das Gegenteil. Natürlich das Gegenteil, ein Verriss. Dabei wäre Tucholsky sicherlich auch lässig genug gewesen, auch nach einem solchen Einstieg festlich drauflos zu loben. Aber nein, das Buch ist nicht so toll und also muss es gesagt werden. Er sagt es in diesem Fall für seine Verhältnisse fast etwas indirekt (was indirekt? Tucholsky? Da muss eine Verwechslung vorliegen!). Das Vorwort nämlich habe ihn mehr gefesselt als das ganze Buch. Und was fesselte ihn? Der Satz »Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt.« Dazu der Rezensent knappstens: »Das gibt es nicht.« Und er belegt Zeile für Zeile warum dieser Scheinobjektivismus Unsinn ist, warum es falsch ist, solches von sich zu behaupten: »Es hilft alles nichts. Jeder Bericht, jeder noch so unpersönliche Bericht enthüllt immer zunächst den Schreiber, und in Tropennächten, Schiffskabinen, pariser Tandelmärkten und londoner Elendsquartieren, die man alle durch tausend Brillen sehen kann - auch wenn man gar keine aufhat - schreibt man ja immer nur sich selbst.«

Darum geht es: Es geht darum, nicht verlogen zu sein, nicht einen Katheder zu erfinden, von dem man eine große Wahrheit herunter verkündet. Nicht als politischer Essayist und nicht als Literaturkritiker.

Kurt Tucholsky war - und darum soll es mir heute gehen - ein fantastischer Literaturkritiker, lässig, kämpferisch, modern, mit glasklaren Urteilen - meist überfällt er den Leser schon in den ersten Zeilen damit und immer unbedingt subjektiv und also ehrlich. Und er war ein Berserker. 500 Buchbesprechungen hat er in seinem Leben geschrieben - und das war wahrlich nur ein kleiner Nebenzweig seines Werkes. Manche haben ihn deshalb schon oberflächlich genannt. Dabei war er nur schnell - im Lesen wie im Schreiben.

Wie viel habe ich von ihm gelernt - oder versucht von ihm zu lernen. Wie oft ist es aber immer noch so, dass ich einen Text geschrieben habe, ihn halbwegs schnell und klar und unterhaltsam finde und dann lese ich einen Tucholsky-Text dazwischen und man merkt sofort den Unterschied zwischen einem Text, der fliegt und einem, der eher von Bodenpersonal verfasst wurde.

Der Stilist und Kämpfer Kurt Tucholsky ist immer wichtig gewesen für meine Arbeit, für das Lesen und das Schreiben. Nie war er so wichtig, wie während der Arbeit an diesem Buch. Wie oft saß ich da, nach der Lektüre eines mir zuvor vollkommen unbekannten Buches eines unbekannten Autors, las unlesbare Stimmen dazu von damals, gutgemeinte von heute und dann - ihn. Kurt Tucholsky hat so viele der später verbrannten Bücher vorher besprochen, dass man schon manchmal den Eindruck haben konnte, jener unselige Bibliothekar Herrmann, der in seiner großen Schicksalssekunde glaubte entscheiden zu können, für alle Zeiten, was als deutsch und was als undeutsch zu gelten habe in der Literaur, der habe sich eine Rezensionsliste Tucholskys kommen lassen und einfach alles darauf gesetzt, was der Mann, der Feind Tucholsky besprochen hat. Ganz so war es aber wohl doch nicht. Er war eben einfach an dieser Literatur, die die Nazis hassten, ganz besonders interessiert, an jeder Form des sozialen, engagierten, politischen Buches. Das ging ihn einfach an und mit wie viel Hoffnungen ging er in diese Bücher immer wieder hinein. Manchmal ließ er sich - wie etwas im Falle des Justizanklägers Ernst Ottwalt, auf ein jammerndes Kompromissurteil ein: »Und es ist so eingeteilt: die Bescheid wissen, können nicht schreiben, wollen nicht schreiben, dürfen nicht schreiben. Und die schreiben können, wissen bestenfalls etwas Bescheid. Ich bin für das Buch von Ottwalt und seine Verbreitung. Es geht uns alle an.«

Das emphatische Wir darf niemals fehlen: Wir, das sind die Leute, die an der Verbesserung der Welt arbeiten. Wir - wie im Falle des Schriftstellers Kurt Münzer, dessen Buch Ladenprinz unter das Weimarer Schundgesetz fiel (über das Tucholsky so schön schrieb: »Dieses Gesetz fällt unter sich selbst.«) und über das er schreibt: »Münzer ist ein sehr mäßiger Teeaufguß von Heinrich Mann; verlogen, ein schlechter Stilist, kein guter Schriftsteller. Aber das geht uns an, nicht die da.«

Zwischendurch immer wieder Hymnen, Hymnen, Hymnen, auf den geheimnisvollen Abenteuer- und Arbeiterautor B. Traven, auf Irmgard Keun und den leider, leider heute vergessenen Arthur Holitscher und seine großartige Autobiographie, deren zweiter Teil damals bei Kiepenheuer erschien, und er selbst schon, Holitscher, beim Schreiben flehentlich, flehentlich ums Nicht-Vergessen-Werden flehte.

Und einmal war er so böse und so schön, dass ich in meinem Buch tatsächlich nur ihn das Urteil sprechen ließ, im Falle der Christa Anita Brück.

»So - nun einmal nicht Krieg. Wenigstens keinen uniformierten.

Christa Anita Brück. Schicksale hinter Schreibmaschinen. Die Angestelltenfrage ist durch das Buch Kracauers Die Angestellten, auf das ich noch zu sprechen kommen werde, in Bewegung gekommen. Die Spezialisten toben wild umher - sie haben Jahrzehnte verschlafen, und nun kommt da so ein Außenseiter! Während doch sie das gesamte Propplem gepachtet haben ... Gott segne sie.

Die Frau Brück hat der liebe Gott leider nicht gesegnet. Diese Angestelltengeschichte ist ein Schmarrn. Aber es ist gut, die Nase in so etwas hineinzustecken - man lernt viel. Nicht, was die Verfasserin uns lehren will; das ist dummes Zeug. Ihre Heldin ist edel, hilfreich und gut ... drum herum gibt es viele Neider und Feinde ... das muß ich schon mal irgendwo gehört haben. Und im übrigen: die dumme Liebe! Es sind und bleiben Einzelschicksale; ein Kollektivschicksal wird nicht dadurch gestaltet, daß man von Zeit zu Zeit durchblicken läßt, so ergehe es andern auch ...

So spät ist es ... dreivierteldrei. Die Uhr steht! Gottverdammich! Da soll doch den Uhrmacher - Da soll doch den Uhrmacher der Schreibmaschinenmann holen und den der Badestubenmann und den der elektrische Mann und den der Gasmann und alle zusammen - ich muß mich so ééérgern. Es ist wirklich spät, der Mond steht hinter den Tannen; dann ist es spät. So hören die alten Romane auf ... Da wollen wir mal rasch einen rumschlafen. Gute Nacht!«

Das ist Tucholsky, wie ich ihn liebe.

Und am meisten liebe ich ihn, wenn er Denkmäler lächerlich macht, noch bevor sie aufgestellt werden können. Wie im Falle von James Joyces Ulysses. So fängt er an: »Und falls dieses Buch eine neue Odyssee ist - ich will mich lieber vor der Odyssee blamieren, als, getreu nach Vaihinger, so tun als ob ... Los.« Die ganze Besprechung ist ein Traum. Wie er die Übersetzung beschimpft: »Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.« Sich empört über Unnötiges: »Man ertrinkt im Staub, weil alles zu Ende gesagt ist. Ganze Partien des Ulysses sind schlicht langweilig.« Weiter empört er sich durch das Buch: »Das ist nichts. Das ist tot.« »Ich glaube es ihm nicht.« Um dann aber doch auch Großes zu finden, den inneren Monolog, da habe Joyce gezeigt, wie es nun einmal aussieht in einem menschlichen Gehirn, und Tucholsky sagt es in seinen eigenen Worten, die natürlich so viel, viel lustiger sind als die von Joyce, aber immerhin. Nachdem er die Argumente Für und Wider wie auf dem Fußballplatz mit Blutgrätschen hin und her wogen ließ, einigt er sich mit sich selbst am Ende auf ein kämpferisches Unentschieden.

Und am meisten liebe ich den Literaturkritiker Kurt Tucholsky, wenn er staunt und nicht versteht und stumm wird vor dem Erhabenen, wie im Falle von Franz Kafka, in seiner Besprechung der Strafkolonie und vom Process. Er versteht es nicht. Er weiß, es ist groß. Er weiß, es ist unheimlich, er liest die Sprache und weiß, dass es ein klareres Deutsch nicht geben kann, er versucht zu deuten, aber deutet nicht. Er weiß, dass seine Deutungen unzureichend sind. Es ist nicht auszuloten, das Buch, nicht von ihm, nicht jetzt. Rührend wendet er sich an Max Brod, den besten Kenner von Kafkas Werk und Kafka selbst, helfen Sie mir, Brod, was soll das bedeuten und wie dürftig sind die Andeutungen Brods, die er ihm liefert, wie viel größer ist das Umkreisen und das Staunen Kurt Tucholskys. Und das Eingeständnis des Nicht-Wissens.

Wie viel Selbstgewissheit gehört dazu, so etwas zu schreiben, wie viel Mut. Ach wirklich? Was für ein Mut? Und wieso schreibt heute keiner mehr so? Wieso ist alles immer so abgewogen und gelehrt? Die deutsche Literaturkritik, so will mir scheinen, wird mit jedem Jahr, in dem sie durch Internet, Leserrezensionen, neue Medien, was weiß ich, mehr unter Druck gerät, immer noch abgewogener, langweiliger, mutloser, germanistischer, leserferner, noch mehr mit sich selbst und einigen wenigen irrelevanten Kollegen beschäftigt. Immer mehr sich an den Glauben an den Katheder klammernd, den Luftkatheder des exklusiven Wissens, den es schon seit so vielen Jahren nicht mehr gibt. Was für ein Irrsinn!

Einmal mehr Tucholsky lesen und ahnen, was möglich ist, was einmal möglich war. Was heute modern sein könnte, das kann man lernen in Texten, die vor achtzig Jahren erschienen.

Liebe Damen und Herren der Tucholsky Gesellschaft, liebe Jury:

Vielen Dank für diesen Preis.

Gehalten am 25. Oktober 2009 im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin


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