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Von Helge Malchow
Lieber Volker Weidermann, meine Damen und Herren, wenn Sie eine gute Buchhandlung betreten und ein bisschen Werksspionage betreiben, indem Sie den Fragen der Kunden lauschen und den Antworten und Empfehlungen des Buchhändlers, können Sie eine lehrreiche Entdeckung machen: Die Leser fragen zuerst nach dem Inhalt des Buchs, nach der Geschichte, die erzählt wird, nach dem Thema. Und dann hören die »Kunden« dem Buchhändler zu, versonnen in dessen Augen blickend, und sie denken nach: Brauche ich das? Berührt mich das? Hat das mit meinem Leben zu tun? Könnten da Antworten auf Fragen sein, die ich mit mir herumtrage? Erinnert mich das an etwas bei mir, vielleicht an einen fernen Wunsch, ein Gespräch, das ich mit Freunden hatte? Und erst danach, eher am Ende, kommen andere Fragen: Wie ist es geschrieben? In was für einer Sprache? In welchem Ton? Wie ist die Geschichte erzählt? Chronologisch? Fragmentarisch? Innerer Monolog? Ich-Erzähler? Am Ende vielleicht noch: Welche Resonanz bisher? Rezensionen? Vielleicht sogar Bestseller, vielleicht sogar welcher Verlag? Sie sagen: das ist doch selbstverständlich, denn Bücher entstehen ja erst im Kopf von Autoren, aufgrund von Erfahrungen, Erinnerungen, dem Leben der Autoren und werden geschrieben für Leser, um in deren Leben wiederum zu landen. Danach beginnt dann die sogenannte Hermeneutik, der Abgleich zwischen Text und Leser, das Staunen, das Entdecken, die Übereinstimmungen, Differenzen, das Wiedererkennen, das Verwirrtsein, das Nochmal-Lesen und so weiter. Das klingt alles banal, muss aber eigenartigerweise in Deutschland in Erinnerung gerufen werden, wenn man über Literaturkritik und Literaturjournalismus nachdenkt. Literaturkritiker sind ja Leute - wie der erwähnte Buchhändler und auch wie ein Verleger - die beim Zusammentreffen von Autoren und ihren Büchern hier und den Lesern dort behilflich sind. Als Wegweiser, als Vorschlagmacher, Abrater, Begleiter, Begeisterer, Abwäger, Warner oder Verführer. Denken wir also über diese Leute ein bisschen nach. Andere haben es auch schon getan. Der große Essayist George Steiner beschimpft diese Leute als Schmarotzer, als Sekundärintelligenz, die sich an der Primärintelligenz der schöpferischen Schriftsteller vampirhaft mästen, ohne selbst die Kraft des Schöpferischen in sich zu tragen. Racheengel gewissermaßen, die es lieber gar nicht erst geben sollte, es sei denn, sie gingen in die Knie und beweihräucherten ein Werk wie eine Art göttliches Wunder. Dann gibt es diejenigen, die Kritiker als Weiterschreiber von Literatur betrachten, die Kritik also selber zur Literatur erheben. Das geht zurück auf die Frühromantik und es führt in der Regel zu einer ganz ähnlichen Verachtung von Kritikern, denn wann hat schon einmal ein Artikel über die Blechtrommel dieselbe literarische Qualität gehabt wie die Blechtrommel selbst? Eine weitere Variante: Man betrachtet die Literaturkritik als Fortsetzung der Germanistik, also der wissenschaftlichen Erforschung und Betrachtung von Literatur außerhalb der Hochschulen, gewissermaßen als eine Form der systematischen Analyse und Vergleichung von Textformen. Auch das geht meistens schief, wenn auch literaturwissenschaftliches Wissen für den Kritiker nicht schädlich ist. Denn dem Leser fehlt dann der Bezugsrahmen und oft auch die Terminologie der verschiedenen Wissenschaftsschulen, und die in der Wissenschaft notwendige Abstraktion führt hier dann in das Nirwana des Spezialistentums. Man kann auch andere Varianten aufzählen: die Literaturkritik als ideologische Bewertungsinstanz (im Namen Gottes, im Namen der Moral, im Namen der Menschenrechte. Es gibt noch unangenehmere Instanzen). Dabei werden dann die Romane, Erzählungen oder Gedichte daraufhin abgeklopft, inwieweit sie den verschiedenen außerliterarischen Zielen dienen oder nicht. Sie merken schon, was ich sagen will: Volker Weidermann, den Sie heute hier mit dem Kurt Tucholsky-Preis ehren, passt in keines dieser Programme. Seine Texte über Literatur, seine Artikel über alte und neue Bücher, entzünden sich ganz wie bei dem anfangs erwähnten Buchhändler an den Lebensfragen, auf die ein Autor durch ein Buch eine Antwort sucht. Bücher sind bei ihm keine voraussetzungslosen Texte, sondern beginnen im Leben. Dave Eggers großer Roman Weit gegangen, über den Volker Weidermann kürzlich schrieb, entzündet sich an der Frage nach den Ursachen der weltweiten Immigrantenströme, dem Elend der Flüchtlinge und ihrer Überlebenskämpfe. Als Johannes Mario Simmel dieses Jahr starb, fragte Volker Weidermann nach der Angst vor der Zukunft, die diesen Unterhaltungsschriftsteller zu seinen Büchern und zu seinen Themen getrieben hat. Bei Hans Magnus Enzensbergers neuen Gedichten beschrieb er die Sehnsucht nach der Stille, das Bedürfnis nach Lebensbilanz im Alter als ihre zentrale Thematik. Und als Thomas Pynchons hinreißender Roman Inherent Vice erschien, eine Art Krimi im Los Angeles von 1970, war dies für Volker Weidermann (ich zitiere jetzt mal) »... eine brachiale Idealisierung der kalifornischen Hippie-Vergangenheit«, weil Thomas Pynchon die »Einheitsmenschen mit ihrem Einheitsblick auf die unendlich langweilige Einheitsrealität« verachtet, in der er heute lebt. Also ein Buch als Widerstand. Aus Widerstand heraus schreibt für ihn auch die Nobelpreisträgerin Hertha Müller. Widerstand gegen das Vergessen des Terrors, den sie selbst erlebt hat und ihre Familie und ihr Freund Oskar Pastior. Zuerst einmal sind Volker Weidermanns Texte über Literatur beinahe fast immer Erzählungen, manchmal über den Autor, manchmal über ein Land, manchmal über eine Zeit, manchmal über ein schreckliches oder lustiges Erlebnis oder Ereignis. Oft sind es auch Besuche, Hausbesuche oder Reportagen, zumindest am Anfang des Textes. Weil er nach dem Startpunkt sucht, nach den thematischen Impulsen für die Bücher. Und erst dann kommt die Frage nach der Form. Man könnte auch sagen: nach der Schönheit. Oder nach der literarischen Qualität. Da packt er dann auch sein Besteck aus, fragt nach innerer Notwendigkeit, nach Melodie und Rhythmus, nach Komposition, nach Kontrasten und Komplexität. Aber nicht als Selbstzweck, sondern gewissermaßen eingebettet. Und damit fragt er nach der Wirkung auf ihn, auf potenzielle Leser, die ja nicht nur vom Thema abhängt und von der Geschichte. Deswegen passt auf Volker Weidermann auch nicht die folgenschwere Gegensatztypologie, die sein Kollege Hubert Winkels einmal in die Welt gesetzt hat und hinter der ja auch eine geheime Bewertung steht, nämlich der angebliche Gegensatz bei Literaturkritikern von sogenannten Gnostikern und Emphatikern. Die einen Kritiker (also Gnostiker) reagieren danach auf Literatur via Verstand, Analyse und Reflektion, die anderen via Gefühl, Leidenschaft und emotionaler Berührtheit. Jeder gute Text über Literatur von Volker Weidermann, das zeigen alle seine Texte, muss beides haben: Verstand und Gefühl, und immer sind die Mischungsverhältnisse anders. Man könnte höchstens sagen, von Volker Weidermann gibt es gnostische Texte, zum Beispiel der Text über Daniel Kehlmanns jüngst erschienenes Buch Ruhm und emphatische Texte, etwa über Judith Hermanns drittes Buch. Ein großes Korn Wahrheit trifft die Gegenüberstellung von Hubert Winkels allerdings schon: Wenn man nämlich Emphase mit Begeisterungsfähigkeit übersetzt, fällt in der Tat auf, dass Volker Weidermann eher das Gelungene feiert als das Misslungene verdammt. Er straft es eher durch Ignoranz. Dahinter spürt man die elementare Liebe zur Literatur, die nach Gründen sucht, sie zu nähren. Schon dafür gebühren ihm Preise. Aber die andere Seite, der scharfe, der harte Blick ist auch da, wenn es sein muss. Ich selber als Verleger war mehrfach das Opfer, leider auch nicht immer zu Unrecht. Den unseligen Daten deutscher Dichtung der unseligen übertünchten Ex-Nazisse Elisabeth Frenzel, die jahrzehntelang ein bös verzerrtes Bild der Gegenwartsliteratur geliefert hatte, wurde erst aufgrund seiner Attacke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Taschenbuchlizenz entzogen. Auf die Anprangerung editorischer Schwächen bei seinem Lieblingsschriftsteller Joseph Roth muss man beim Verlag Kiepenheuer & Witsch im Monatsrhythmus gefasst sein. Auch seine heftigen Attacken gegen die groteske Auswahl der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bei der Neuausgabe von Kindlers Literatur Lexikon war eine bemerkenswerte Leistung. Ich zitiere: »Kein Christian Kracht. Kein Helmut Krausser. Kein Thomas Meinecke. Kein Maxim Biller. Kein Dietmar Dath. Kein Peter Stamm. Kein Clemens Meyer. Kein Michael Lenz.« Die Reihe hätte noch drastisch erweitert werden können und damit sind wir bei Lichtjahre, eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute, Volker Weidermanns erster großer Leistung als Buchautor. Man muss es drastisch und zugespitzt formulieren: Bis zu diesem Buch gab es eine absurde Gleichstellung in der Betrachtung von Gegenwartsliteratur, die gleichgestellt wurde mehr oder weniger mit einer kleinen Gruppe von Nachkriegsschriftstellern, immer wieder denselben großen Namen: Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser, Max Frisch, Dürrenmatt, Uwe Johnson, Christa Wolf, Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger. Garniert von ein paar singulären Sonderfällen eventuell, etwa Arno Schmidt und Thomas Bernhardt. Dann noch gefolgt von einer schon sehr viel kleineren 68er Bewegung von Brinkmann bis Peter Handtke und Botho Strauß, bei der man noch Autoren wie Uwe Timm vergaß. Diese jahrzehntelange Verkrustung des Kanons, unter der nicht zuletzt bis heute Studenten und Schüler leiden, hat Volker Weidermann von zwei Seiten mutig angegriffen und geholfen zu überwinden: 1. Vom Anfang her: Die Literatur nach dem Krieg begann eben nicht mit den genannten Gründungsgrößen der Gruppe 47, sondern im selben Maße mit den Heimkehrern, mit den Exilanten und mit den Emigranten, mit Brecht und Remarque. Mit Becher und Anna Seghers, mit Döblin, Kästner und Celan. Mit sehr gemischten Verhältnissen also, mit Ausgrenzungen und Ausblendungen, mit Kämpfen und leider mit der öffentlichen Dominanz des deutschen Landsers, der die letzten Jahre des Krieges als Opfer erlebt hat. 2. Und noch viel wichtiger: vom Ende her, vom Jetzt, von der Gegenwart. Endlich und zum ersten Mal stellte jemand den Zusammenhang her zur jüngeren deutschen Schriftstellergeneration und ordnete sie in den geschichtlichen Zusammenhang ein. Die Generation, die ja schon längst eine mittlere Generation ist und die faktisch unser heutiges Lebensgefühl längst in Literatur verwandelt hat: also Ingo Schulze, Durs Grünbein, Katja Lange-Müller, Peter Stamm, Marcel Beyer, Rainald Goetz, Feridun Zaimoglu, Christian Kracht, Jakob Arjouni oder Thomas Brussig und viele andere mehr. Die gesamte Landschaft eben, die erst jetzt Schritt für Schritt in der Germanistik ankommt. Jeder kannte dieses Gefühl über Jahrzehnte. Thomas Hettche oder Judith Hermann oder Rainald Goetz oder Thomas Kling las man oder liest man, ja, aber wenn der 20. neue Grass oder das 15. neue Buch von Martin Walser erschien, dann wurden die Aufmacher-Seiten frei geräumt und die eigentliche Messe abgehalten. Zur Not auch noch mit Peter Handke und Botho Strauß als einzige würdige Nachfolger. Selten hat ein Buch eines Kritikers so viel Häme und Beschimpfung erlebt und selten war dies ein besseres Zeichen dafür, dass ein Autor ein Kartell geknackt hatte. Das zweite Buch erschien 2008 und ist eine so grandiose Leistung wie das erste und führt uns nun auch endlich zu Kurt Tucholsky: Das Buch der verbrannten Bücher, das eben schon erwähnt wurde. Denn auch Kurt Tucholsky stand auf der Liste des Dr. Wolfgang Herrmann, Leiter der Berliner Geschäftsstelle, einer deutschen Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen. Er war es, der die Liste der 131 Autoren zusammengestellt hat, nach der die Bücherverbrennung der Nazis am 10. Mai 1933 durchgeführt wurde. Diese Liste der Schande ist der Ausgangspunkt von Volker Weidermanns Buch. Schon zuvor gab es eine Vielzahl von Veröffentlichungen über die verbrannten Dichter. Aber es waren immer dieselben, die, die man nicht vergessen hatte, vor allen Dingen nach dem Krieg nicht vergessen hatte. Also Brecht, Remarque, Toller, Döblin, Kästner, von denen wir eben gehört hatten, Anna Seghers und so weiter. Und die anderen? Darauf war erst Volker Weidermann gekommen, dass das Verschwinden all der anderen Namen und das Verschwinden dieser Menschen etwas mit dieser Liste zu tun gehabt haben könnte … Dass das Verschwundenbleiben dieser Namen nach 1945 vielleicht ein später Triumph der Nazis bis zum heutigen Tag ist. Und so machte er sich an die Arbeit, die oft der Arbeit eines Archäologen glich: alte Quellen finden, Zeitzeugen suchen, alte Bücher ausfindig machen, immer weiter, immer mehr, bis er uns über jedes der 131 Opfer etwas berichten konnte. Den Lebensweg, die Bücher, das Verschwinden der Bücher, das Schicksal und so weiter. Selten war ein Buch so sehr ein Buch der Gerechtigkeit und selten hat ein Buch so viele Menschen wieder lebendig werden lassen, die es verdient hatten - auch durch seine lebendige, farbige und moderne Sprache, durch seine Geschichten, die sich oft wie Krimis lesen und in denen wir die erwähnte Methode der eingebetteten Analyse seiner Zeitungsrezensionen wiederfinden: Wie kam es zu diesen Büchern, aus welcher Situation? Wie kam es zu welchen Themen? Zu welcher Erzählform? Was haben sie erreicht? Wen haben sie erreicht? Wer hat verhindert, dass wir sie lesen konnten? Übrigens eine Methode, die einer der 131 auf dieser Liste, der Mann, der dem heutigen Preis seinen Namen gegeben hat, in jeder seiner über 500 Buchrezensionen wie selbstverständlich anwandte. Wie hätte das anders sein können, bei einem solchen Dampfkessel-Leben, einem solchen Leben unter Druck, bei seinem lebenslangen hellsichtigen Kampf gegen die drohende Katastrophe, die er nicht verhindern konnte und an der er zerbrochen ist. In diesem Leben waren Bücher nicht nur ästhetische Gebilde, sondern Lebensmittel. Das hat Volker Weidermann sicher auch von diesem Mann gelernt, und deswegen gratuliere ich Volker Weidermann zu seiner Arbeit, zu seinen Büchern und zu seinen Texten über Literatur. Alles Gute und alles Gute für die Zukunft auf diesem Gebiet!
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