1965 war Kurt Tucholsky seit dreißig Jahren tot; er wäre, hätte er sich nicht aus politischem Kummer in Schweden umgebracht, 75 Jahre alt geworden. Er gehörte nicht zu meinen Hausheiligen, aber daß wir, des erheblichen Rangunterschiedes ungeachtet, Wahlverwandte im Geiste waren und sind, will ich nicht bestreiten. Es mag sein, daß es auch von anderen in etwa so gesehen wurde. Jedenfalls konnte ich in den Münchner Kammerspielen an drei aufeinanderfolgenden Tagen über Tucholsky reden; im Februar im Auditorium maximum der Universität Hamburg:

Kein Tucholsky heute

Er konnte gut schreiben. Er konnte sehr gut schreiben. Was heißt das? Was könnte es heißen? Die Sprache ein Stück weiterbringen. Nach Goethe konnte man deutsch nicht mehr so schreiben wie vor Goethe. Nach Nietzsche nicht mehr so wie vor ihm. Nach Thomas Mann nicht mehr so wie nach Nietzsche. Mit diesen Namen sind Quantensprünge unserer Sprachentwicklung in moderner Zeit etwa bezeichnet. Hat Tucholsky in dieser Reihe seinen Platz? Ich glaube: nein. Er hat keine durchaus neue Dimensionen des Sagbaren geschaffen. Wohl aber hat er wie Heine der Sprache Goethens, dem Deutsch des 20. Jahrhunderts einen Dienst geleistet: er hat den lesenden Teil des Volkes auf neuesten Stand gebracht. Unter Verwendung des gerade geschaffenen Instrumentariums der Sprache haben er und Heine so getan, als sei es selbstverständlich, als sei gar nichts dabei, es zu verwenden. Bei Goethe, Nietzsche, Thomas Mann weiß jedes Kind: es handelt sich um Literatur – und das bedeutet, in einem unliterarischen Volk wie dem unseren eine Trennwand aufrichten: hier das Leben, dort der Zauberberg. Hingegen denkt bei Heine oder Tucholsky leicht einer: das kann ich auch. Denkste! Gleichviel, der Irrtum, durch den des Lesers pures Vergnügen seine Ehrfurcht tilgt, setzt ihn, den Leser, instand, seine Gegenwart anzunehmen, und das bedeutet schon mehr als viele erreichen, die sich im Vorgestern integrieren und dabei stehen bleiben. Es ist also, meine ich, Tucholskys Sprachleistung mehr sozialpädagogischer als literarischer Art. Aber auch das ist ja wunderbar und seltsam, weil selten.

Seine Wirkung war lebenslänglich, und bis heute an das Vergnügen gebunden, das er formal dem Leser bereitete. Diese Erkenntnis bereitet ihm Pein.

Nicht nur seine Taten tun nicht Tucholskys Geschäft – dadurch, daß sich seine Gesinnungspredigten so herrlich lasen; dadurch, daß er seine Sprache beherrschte, wurde er in der deutschen Öffentlichkeit zu einer durch und durch unseriösen Erscheinung. Man hätte ihm Rheinsberg und Gripsholm in gutem Deutsch noch hingehen lassen. Daß aber sogar die Sätze, mit denen er den Militarismus kritisierte, fehlerlos und klingend waren, verzieh man ihm nicht.

30 oder 40 Jahre später ist das anders. Jetzt lobt man ihn gerade für die formale Schönheit seiner Bekenntnisse. Um dessentwillen ist er der Wohlstandsgesellschaft teuer, daß er Dinge, die sich inzwischen als zutreffend herausgestellt haben, auch treffend ausdrückte. Auf eine erstaunliche Weise ist er uns teuer geworden. ARGUS, das Ausschnittbüro, vermochte aus Anlaß dieses 75. Geburtstages ein paar hundert Artikel über ihn zu sammeln.

Vom Hamburger Abendblatt bis zum Neuen Deutschland wird Tucholsky gefeiert, jenes ein Hausblatt Springers, dieses ein Hofblatt Ulbrichts. Soviel gesamtdeutsche Einigkeit macht stutzig. Alle, alle loben sie ihn wegen seiner politischen Haltung über den grünen Klee. »Wir dachten daran«, steht im Abendblatt, »wie sehr er unserer Zeit, die so empfindlich gegen Kritik ist, als Wachhund der Freiheit fehlt.« Neues Deutschland aber schreibt: »Tucholsky ist für die heute in Westdeutschland herrschende Klasse so mißliebig wie ehemals.« Geht man davon aus, daß unsere Zeitungsverleger und -redakteure zur herrschenden Klasse gehören, dann muß man sagen: hier irrt Neues Deutschland. Es ist nicht wahr – unsere herrschende Klasse findet Tucholsky einen äußerst liebenswerten Sohn ihres liebenswerten Volkes. Die Öffentliche Meinung ist darüber einer Meinung, repräsentiert von der bürgerlichen Presse eines 52-Millionen-Volkes, die von der Soldatenzeitung bis zum Neuen Vorwärts mit Tucholsky, der kein Marxist, aber entschieden links war, nicht einmal mehr Spurenelemente sozialistischer Ethik und Gesinnung gemeinsam hat. Liegt hier ein Mißverständnis oder tiefere Einsicht vor?

Sagen wir zunächst, daß diese Lobhudelei auf einen ebenso geistig schlichten wie politisch durchsichtigen Schwindel zurückzuführen ist, der seinen verbalen Ausdruck beispielsweise darin findet, daß nicht wenige dieser Erinnerungsaufsätze sich an ein Wort Tucholskys klammern, das da lautet: »es gibt zwei Deutschland, eins ist frei, das andere ist knechtisch.« Diesem empfindlichen Linken wird unterstellt, daß er, lebte er noch, einen anatomischen Schnitt durch deutsche Volksseele entlang der Berliner Mauer gezogen hätte! So daß zum freien Deutschland Barzel, Hassel, Strauß, Adenauer, die Bundeswehr, die heutige Sozialdemokratie, Springer, der Atomminengürtel-Plan und die Spiegel-Justiz zählten, zum unfreien alle jene progressiven Sozialisten der DDR, von denen ich nur deshalb keinen mit Namen nennen möchte, weil das einer Denunziation gleichkäme jenen gegenüber, die natürlich auch Tucholsky zum knechtischen Deutschland gerechnet hätte. Auf so gangsterhafte Weise integriert also eine Gesellschaft, die Tucholsky widerlich fände, wenn er unter uns lebte, einen Mann, der sich dagegen nicht mehr wehren kann. Liest man ihn aber, und glaubt man ihm, was er geschrieben hat, und trotz richtiger Grammatik seiner Aussage sollte man einem Mann glauben, dem die allzu späte Erkenntnis der tatsächlichen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse um 1928 das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen ließ – glaubt man ihm, was er über den Militarismus und das Militär, über die Bourgeoisie und den deutschen Machtkoller, über deutsche Justiz und einige andere, durchaus nicht verschwundene Phänomene unsere heutigen politischen Wirklichkeit geschrieben hat – dann dürfte man ihn füglich nicht feiern mit dem Tenor: ach, wäre er doch unter uns. Vielmehr müßte man ihm einen Lebenslauf zubilligen, der, hätte Tucholsky sich nicht umgebracht, etwa so gewesen wäre: 1945 Rückkehr aus Schweden, Mitarbeiter am 3. Programm des Norddeutschen Rundfunks unter englischen Majoren und Axel Eggebrecht, 1959 Feuilletonredakteur am L’Express in Paris, 1960 Herausgeber einer Taschenbuchreihe rororo-aktuell, 1964 Rückkehr nach Schweden, 1965, wer weiß, Selbstmord am Mälarsee.

Aber die Öffentliche Meinung feiert ihn. »Wir können nur feststellen, wie recht diese Kassandra gehabt hat«, schreibt Die Welt. Widerstand mit der Schreibmaschine – Der gar nicht tot zu kriegende Tucholsky – Tucholsky, ein prophetischer Warner – Bürger und Patriot (dies in einem Ost-Berliner Blatt) – Alte Liebe zu Tucholsky – Der das Wort wie den Degen führte – Gegen die Dummheit – Er sah das Unheil kommen – Warum uns Kurt Tucholsky fehlt – Goldenes Herz und eiserne Schnauze – so und ähnlich lauten die Überschriften der Jubiläumsartikel. Der Bürgerschreck als Bürgerliebling. Nur politische Falschmünzerei?

Nein, ich glaube, hier folgt Umwertung der Einsicht, daß dieser Mann unwirksam wäre in unserer Zeit, so daß man frère et cochon mit ihm spielen kann, und gleichzeitig die Politik treiben, die man treibt – rechts von der Mitte, und haargenau mit allen jenen Schwächen, Begierden, Illusionen, Dummheiten und Knechtsallüren, gegen die Tucholsky schrieb. Voltaire war wirklich eine Gefahr für die feudale Ordnung Frankreichs, Gorki für das Zarenreich, vielleicht sogar noch der Simplizissimus für Wilhelm II., Tucholsky aber keine Gefahr mehr für die herrschenden Klassen und die heraufdrängenden Mächte der 20er Jahre.

Warum heute nicht?

Drei der möglichen Gründe möchte ich nennen:

Der politische Kämpfer Tucholsky bediente sich des Mittels der Satire.

Voraussetzung der Wirksamkeit dieses Verfahrens war, daß die Öffentlichkeit die Überhöhung noch wahrnahm, oder anders gesagt: daß die Wirklichkeit dem Satiriker Spielraum zur Übertrei- bung ließ. Dieser Spielraum besteht nicht mehr.

Zweitens; glaube ich, hätte ein Tucholsky heute verspielt, weil seine Sprache, die literarische Sprache überhaupt, kein geeignetes Mittel mehr ist, gesellschaftliche Verhältnisse im direkten Zugriff durchsichtig zu machen. Nicht von ungefähr sind fortschriftliche Schriftsteller, wie sie etwa in der Gruppe 47 zu finden sind, entweder sprachlich ambitiös und dann politisch impotent, oder gesinnungsfreudig und dann formal von gestern. Die Ablenkung auf das absolut Unwesentliche erlaubt, im Wesentlichen unkontrolliert zu finassieren. Wesentliches herauszufinden etwa in bezug auf die Bundeswehr, es wäre nicht mehr Tucholsky-Sache, es war des Spiegels Sache – die er erledigte durch strohtrockene und durchaus kunstlose Information. Und da zeigte sich denn auch, daß das Stachelschwein doch gebissen werden kann. Es schrie auf.

Haben die Kunstsprache und die Gesinnungsbekundung emotionaler Art heute und hier keine politische Kraft mehr, so könnten doch, gäbe es der Tucholskys, die deutschen Zeitungen in wiederum 40 Jahren schreiben: wir waren zwar blöd, aber wir waren nicht alle blöd. Das sagen sie jetzt von dem Zeitraum 1920 – 1933 Tucholskys und anderer wegen, das sagen sie von dem Zeitraum 1933 – 1945, weil es die Weiße Rose gab. Alibis sind eine feine Sache – nur leider für die Vorwärtsverteidigung des Friedens ohne jeden Belang. Ein dritter Gesichtspunkt sei erwähnt: Der Einzelne vermag mit dem Wort ohne Macht überhaupt nichts mehr für oder gegen die Gesellschaft zu tun. Macht sei in doppeltem Sinne verstanden: daß der, der das Wort führt, Macht hat; oder daß das Wort derartig vervielfältigt werden kann, daß es Macht gewinnt.

Hieraus ergibt sich, was noch Wirkung verspricht: die gezielte, massenhaft verbreitete Information – der natürlich der gezielte Kommentar folgen kann. Der Kommentar allein aber reicht nicht mehr. Ein derart düpiertes Volk wie das unsere mißtraut – mit Recht – der bloßen Gesinnungsbekundung gerade dann, wenn sie die Grobheit des Massenhaften annimmt.

Tucholsky wußte immer oder doch meistens, was richtig und was falsch war. Was war, davon hatte er in aller Regel nur eine schattenhafte Ahnung. Wir müssen wissen, was ist – und eben diese Sachverhalte entziehen sich meistens der allgemein verständlichen Mitteilung, und schon ganz und gar der formal verführerischen Mitteilung.

Sie, Studenten dieser Universität, werden früher oder später einen Beruf ausüben, in dem es darauf ankommt, Sachzusammenhänge zu überschauen, Daten zu verarbeiten, Leistungen zu erzielen. Vielleicht werden Sie das großartig machen. Aber wie großartig Ihre Leistung auch sein mag, wie vollkommen Ihre Sachkenntnis – Sie sind nicht sicher davor, ob Sie sich damit nicht im negativen Raum bewegen. Mit einem Wort: es ist ebenso gefährlich, nur Experte zu sein, wie es wirkungslos ist, nur Tucholsky zu sein. Glauben Sie bitte nicht, daß ein gesellschaftlicher Fortschritt möglich sei, solange folgende Arbeitsteilung stattfindet: die einen vermögen das output eines Computers richtig zu entschlüsseln, die andern verstehen davon nichts, wollen aber drüber entscheiden, was das output wert ist für den Menschen. Das aber ist unser gesellschaftlicher Zustand, genau diese Kluft besteht zwischen Handeln und Entscheiden, und deshalb sind unsere Verhältnisse nicht nur unbehaglich, sondern ausgesprochen gefährlich. Die Trennung von Handeln und Gesinnung gibt es in einem ideologisch geschlossenen System nicht, und wenn es dort so wenig Spielraum für verändernde Kräfte gibt, so hat das unter anderem – ich sage unter anderem – auch den Grund, daß die geringste Kraft viel bewirkt. Bei uns aber rennen wir allenthalben an Gummiwände, wir sind von ihnen umgeben, und wenn Sie so wollen: wir leben derart in einer Gummizelle. Das war Tucholskys Lebensgefühl, als er sich umbrachte.

Quellenangabe:
Erich Kuby: Mein ärgerliches Vaterland. Hanser, München 1989 (Lizenzausgabe Volk und Welt, Berlin 1990), S. 285-290


Zur Biographie

Zum Download

Zum Tagungsrückblick

Zur Biographie

Zum Download

Zum Tagungs- rückblick