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Daniela Dahn: Dankesworte anläßlich
der Entgegennahme des Kurt Tucholsky-Preises für literarische Publizistik
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Ganz herzlichen Dank, lieber Egon Bahr für diese mich sehr berührende und ermutigende Laudatio. Ich danke den Schöpfern des Kabarettprogramms, Volker Kühn und seinen Schauspielern, ich danke der Jury und meinem Verlag, der ja auch Tucholskys war, und allen hinter und vor der Bühne, die Sie heute gekommen sind, um gemeinsam das Erbe des polemischsten deutschen Dichters dieses Jahrhunderts hochzuhalten. Wie beschreibt man seine Freude und seinen Stolz, in auch nur irgend eine Art von Zusammenhang mit einem literarischen Vorbild gerückt worden zu sein, und gleichzeitig die Demut, die einen angesichts des eigenen Ungenügens gerade bei solcher Gelegenheit befällt? Gern hätte ich mir Rat beim Meister geholt, aber Tucholsky hat nie einen literarischen Preis bekommen. Und da fängt doch die ganze Ungerechtigkeit schon an. Vermutlich hätte er an einem so symbolträchtigen Datum die Gelegenheit
nicht ohne einige Attacken auf die aktuelle Situation verstreichen lassen.
Was hätte der scharfzüngige Gesellschaftskritiker Ignaz Wrobel wohl zum
heutigen Tag der deutschen Einheit zu sagen gehabt? Sprache verrät Denken. Der Begriff transferieren degradiert den Osten wieder zum Ausland, in das mit anderer Währung gezahlt wird. Wo aber sollen reine Westquellen nach staatlicher Vereinigung herkommen? (Gut, auch wir profitieren vom Länderfinanzausgleich. Aber nach Abzug der Kosten für die Regierungsbauten in Berlin, die dem Aufbau Ost immer untergejubelt werden, machen diese Zahlungen ganze vier Prozent des sogenannten Transfers aus. Sehr anerkennenswert, aber für einen erkauften Anspruch auf Demutsgesten nicht tauglich.) Finanziert wird der angebliche Transfer aus dem Westen vielmehr mit Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, und mit Krediten, die verzinst und getilgt werden müssen. In all diese Töpfe zahlen natürlich auch die Ostdeutschen ein. Das heißt, der Fleischer in Güstrow, so er genausoviel verdient, wie der Bäcker in Fulda, trägt auch genausoviel zu diesem sogenannten Transfer bei. Nur die Vermögenden in West und Ost (falls es sie hier gibt), zahlen nach dem Willen des Gesetzgebers weit weniger als angemessen wäre. Da selbst der Staatshaushalt nunmal vereint ist, können übrigens den ostdeutschen Steuerzahlern die erheblichen Subventionen für die bayrischen Bauern und die Ruhrkumpel auch nicht mehr ganz gleichgültig sein. Fazit: Es gibt - so gesehen - keinen reinen Transfer von West nach Ost, sondern es gibt von West- und Ostdeutschen erarbeitete staatliche Fördermittel für eine Region, die erst unter zentralistischer Planwirtschaft, dann unter der Schocktherapie von Währungsunion und Treuhand erheblich gelitten hat. Wofür der Kassenwart für ausgleichende Gerechtigkeit nun von beiden Seiten - vor allem aber von den nächsten Generationen - Bußgelder erhebt. Ich stelle mir vor, wie Tucholsky auf seiner jenseitigen Wolke sitzt,
mit den Beinen baumelt und sich über unsere irdischen Hahnenkämpfe belustigt.
Sehr komisch und vor allem sehr deutsch müssen ihm die Vorhaltungen vorkommen,
der andere habe nicht hart genug gearbeitet. Denn natürlich hat unterm
Strich der besser gelebt, der weniger rackern mußte. Das ist doch der
größte Luxus. Aber anstatt stolz darauf zu sein, will deutsche Tugend
nicht eingestehen, daß Fortschritt meßbar ist im Wegfall von Arbeitsfron
und Leistungsdruck. Tucholsky weiß, was ich meine. In einem seiner legendären,
im Himmel spielenden "Nachher"-Texte, schwärmt Kaspar Hauser rückblickend
auf seiner Wolke, so daß man meinen könnte, er sei im Jenseits zum Ossitum
konvertiert: Alle Menschen würden wohl gleich gern in Operettenbetrieben arbeiten.
Menschliche Schwächen bis zu einem gewissen Grad zuzulassen, ist eben
menschlich. Gerade an der "kitzelnden Angst" erkenne ich in Kaspar Hauser
die Kapitalismus-Erfahrung. Während die Ahnungslosigkeit der Ostdeutschen
darin lag, lange Zeit nicht einmal Angst vor dem Ende gehabt zu haben,
weil sie sich darauf verlassen haben, daß die objektive Gesetzmäßigkeit
der Geschichte sie schon nicht verkommen lassen wird. Ich weiß, längst
nicht alle Arbeit war spielerisch; sogar Bücher, wenn mich meine Erinnerung
nicht trügt, schrieben sich nicht von selbst. Doch privat ging bekanntlich
überall vor Katastrophe. Und das ohne Reue - deshalb war es in den östlichen
Operettenbetrieben auch noch netter… Die Utopie einer Welt als musikalisch-heiteres
Gesamtkunstwerk - und nicht als Trauerspiel. "Wenn Revolution Zusammenbruch bedeutet, dann war es eine", meinte Ignaz Wrobel 1919. Denn: "Der Staat hat nicht viel to seggen." Er wußte: "Sie dachten, sie hätten die Macht. Dabei waren sie bloß in der Regierung." All das ist nicht nur unverändert aktuell, sondern aktueller denn je. Das ist das Geniale an diesen Texten. Und das Deprimierende zugleich. Heute wagt nur noch der Initiator der einstigen Montagsdemonstrationen, der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, zu sagen: "Der zweite Teil der Revolution steht noch aus." Was ja das Schicksal beinahe aller Revolutionen war. Wir übrigen begnügten uns damit, von der anhaltenden Notwendigkeit einer
Politik-Wende zu sprechen, von Reformen und sozialen Bewegungen. Das war
wohl der Bescheidenheit zuviel. In seinem Deutschlandbuch formulierte
Tucholsky Rechenaufgaben: Ist es allzu respektlos, auch Kurt Tucholsky danach zu fragen? Er hatte mit dem 1. Weltkrieg zunächst "innerlich nichts zu tun" und gehörte nicht zu den jubelnden Hunderttausenden, die freiwillig an die Front gingen. Doch schon bald hatte er sich naheliegenderweise einen Posten als Kompanie- später sogar Stabsschreiber erobert. Die mit Gehaltserhöhungen verbundenen, reglmäßigen Beförderungen, die gute Verpflegung, der Wein, Zeit für Bücher und Mädchen - all das versöhnte ihn mit der Situation. Erfolgreich gab er die erste deutsche Fliegerzeitung heraus. Er ließ sich sogar taufen, um Offizier werden zu können. Höhepunkt seiner militärischen Karriere war wohl, als der Vizefeldwebel Tucholsky das "Verdienstkreuz für Kriegshilfe" bekam, weil er sich in seiner Zeitung für die Kriegsanleihe eingesetzt hatte. Später gestand er ein: "Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte - und ich bedaure, daß ich nicht, wie der große Karl Liebknecht, den Mut aufgebracht habe, Nein zu sagen und den Heeresdienst zu verweigern. Dessen schäme ich mich." Doch sofort nach dem Krieg gründete er u.a. mit Ossietzky den Friedensbund der Kriegsteilnehmer: Krieg dem Kriege!, war seine Devise, die er in zahllosen Artikeln, Gedichten und auf Kundgebungen vertrat. Aus der Erfahrung der eigenen Verführbarkeit nahm er den moralischen Rigorismus, Fehler nicht wiederholen zu müssen. Er hat seine Schwäche mit einer Konsequenz wiedergutgemacht, vor der man nur den Hut ziehen kann. Sein aus eigener Anschauung geborener Satz "Soldaten sind Mörder" erregt noch heute die Gemüter und Gerichte. Es will mir scheinen, als rutschten Sie, lieber Kollege Tucholsky, bei
diesem Thema ungeduldig auf Ihrer Wolke hin und her, besorgt, wir könnten
versäumen auf ein Jubiläum hinzuweisen, daß Ihnen wohl mehr am Herzen
liegt, als dieser ominöse Nationalfeiertag. Da will ich Sie schnell beruhigen,
wie könnten wir vergessen, daß heute der 110. Geburtstag von Carl von
Ossietsky ist? Sich der ›Weltbühne‹ verbunden fühlende Autoren haben nach
der Wende versucht, diese Zeitschrift weiterzuführen. Der Titel gehört
niemandem, aber da das nicht zu beweisen war, darf er auch von niemandem
benutzt werden. Nur eine Kneipe nennt sich jetzt großspurig: Weltbühne.
Und so heißt unsere westöstliche Zweiwochenschrift für Politik/Kultur/und
Wirtschaft eben Ossietzky. Und falls der Vertrieb bis zu Ihrer Wolke reichen
sollte, so sind die hier anwesenden Autoren ziemlich zuversichtlich, daß
das Blatt Ihr Wohlgefallen findet. Und ich gebe auch die Hoffnung nicht
auf, die Zeitschrift werde eines Tages, vereint mit dem rein östlichen
Blättchen, unter dem ursprünglichen Namen erscheinen. Ohne jegliches kritisches Geschichtsbewußtsein ließen die heutigen Richter den damaligen das Argument durchgehen, die verbotene Aufrüstung sei ein schützenswerter "Bestandteil des Staatswohles" gewesen und deshalb das Urteil nachvollziehbar. Und so verwarfen beide Gerichte das Wiederaufnahmeverfahren zur Rehabilitierung des einzigen Deutschen, der während der Nazizeit den Friedensnobelpreis erhalten hat. Und unsere Zeitschrift muß mit der höchstrichterlichen Entscheidung leben, wonach sie sich nach einem Landesverräter benannt hat. Keine gute Empfehlung zum Geburtstag. Aus derart empörenden Urteilen erwächst für Publizisten die Aufgabe, die bundesdeutsche Justiz kritisch zu begleiten. Ganz im Geiste Tucholskys, der wußte: Es gibt keinen unpolitischen Strafprozeß, weil in der Welt überhaupt nichts unpolitisch ist. Ossietzkys Inhaftierung war neben allem anderen Übel auch einer der ausschlaggebenden Gründe für Tucholskys gänzliches Verstummen. Da haben wir Heutigen es leichter. Zum Ende kommend, will ich dennoch nicht verschweigen, daß einen Tucholsky-Preis zu erhalten natürlich auch bedeutet, mit dem Thema Anfeindung und Ausgrenzung, und schließlich mit Resignation und Scheitern konfrontiert zu werden. Der Radikaldemokrat Tucholsky wurde weder als solcher geboren, noch konnte er unter den damaligen Bedingungen diese Courage bis zum Ende durchhalten. Für sein Ende bedurfte es einer anderen Art von Mut. Es ist ein eigenwillig Ding mit der Courage. Auch ich habe einst, wenn auch kaum Falsches verteidigt, so doch zu leise widersprochen und zu lange mitangesehen, wie das Projekt einer menschlichen Gesellschaft zuschanden kam. Und auch ich leite daraus die moralische Verpflichtung ab, mit aller Radikalität dagegen anzugehen, sich selbst diesen Vorwurf noch einmal machen zu müssen. Aber wer sich aus dem Fenster lehnt, noch dazu aus dem linken Flügel, der muß mit scharfem Gegenwind rechnen, heißt es hierzulande. Wer seine Meinungsfreiheit nutzt, um auch vor Systemkritik nicht haltzumachen, der wird erfahren, was Verleumdungsfreiheit ist. Auf wieviel Zusammenhalt von Gleich- oder Ähnlichgesinnten darf dabei gerechnet werden? Wer unglaubwürdig gemacht werden soll, erfährt, wieviele Freunde und Sympathisanten er hat. Wer unfair angegriffen wird, weiß das Glück der Solidarität zu schätzen. Ich bin dankbar, sie bekommen zu haben. (Und ich freue mich natürlich, unter denjenigen, die sich in Auseinandersetzungen für mich eingesetzt haben, nun auch einen Nobelpreisträger zu wissen und ich möchte die Gelegenheit nicht versäumen, Günter Grass von hier aus sehr herzlich zu gratulieren.) Wohl dem Land, das keine Helden braucht. Und wohl dem Menschen, der keine Solidarität braucht. Wann und wo könnte das sein? Selbst im Paradies ist der Versuch, vom Baum der Erkenntnis zu kosten, bestraft worden. Als Tucholskys Deutschlandbuch 1964 in der Bundesrepublik erschien, war einer Besprechung in der Zeit zu entnehmen, sein (und unser) Unglück sei es gewesen, "daß er kein Maß mehr kannte" in seiner Kritik und seiner Bitterkeit. Ein Maß wird er doch wohl gekannt haben, nämlich sein eigenes. Wessen Maß soll denn sonst das gültige sein? Am Schluß seines Buches griff er Hölderlin wieder auf: "Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil davon sind wir." Womit gemeint waren: Linke, Pazifisten, "Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird", verlangte Tucholsky. Möge es uns Angesprochenen gelingen, dabei auch künftig unser Maß zu verteidigen. |
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